Deutsche Hochzeitsbräuche – Zwischen Polterabend, Baumstamm und Brautentführung

Deutschland gilt als Land der Dichter, Denker und... Hochzeitsbräuche. Manche Traditionen sind uralt, andere entstanden vermutlich nach dem dritten Bier auf einem Dorfplatz. Doch genau diese Mischung macht deutsche Hochzeiten so charmant. Zwischen romantischen Momenten, kleinen Prüfungen für das Brautpaar und jeder Menge guter Laune steckt hinter vielen Bräuchen sogar eine tiefere Bedeutung. Wer also glaubt, eine Hochzeit bestehe nur aus "Ja", Ringtausch und Hochzeitstorte, wird spätestens beim ersten Polterabend eines Besseren belehrt.

Der Polterabend – Scherben bringen Glück

Schon Tage oder Wochen vor der eigentlichen Hochzeit wird es laut. Freunde, Familie und Nachbarn treffen sich zum Polterabend und bringen alles mit, was aus Porzellan besteht und möglichst laut zerschellt. Teller, Tassen, Waschbecken oder alte Blumenkübel – alles fliegt auf den Boden. Nur Glas bleibt verschont. Der alte Aberglaube sagt nämlich: Scherben bringen Glück, zerbrochenes Glas dagegen nicht.

Der eigentliche Sinn des Ganzen beginnt aber erst danach. Denn das Brautpaar darf gemeinsam den entstandenen Scherbenhaufen beseitigen. Die Botschaft ist eindeutig: Wer gemeinsam tausend Scherben zusammenfegt, wird auch die kleinen und großen Herausforderungen des Ehelebens meistern. Nebenbei zeigt sich häufig schon die erste Arbeitsteilung. Während einer fegt, sucht der andere verzweifelt nach einem Besen.

Der Baumstamm – Die erste gemeinsame Herausforderung

Nach der Trauung wartet bei vielen Hochzeiten bereits der nächste Klassiker: das Baumstammsägen. Mit einer großen Zugsäge muss das frisch verheiratete Paar gemeinsam einen dicken Baumstamm durchsägen. Das klingt zunächst einfacher als es aussieht. Spätestens nach den ersten drei Zügen stellt man fest: Kommunikation ist alles. Zieht einer zu schnell, bleibt die Säge stecken. Zieht einer zu langsam, passiert gar nichts. Erst wenn beide den richtigen Rhythmus finden, geht es voran. Eigentlich ist dieser Brauch eine perfekte Zusammenfassung jeder Ehe.

Das Bettlaken mit Herz

Vor dem Standesamt oder der Kirche spannen Freunde häufig ein großes Bettlaken auf. In der Mitte befindet sich ein ausgeschnittenes Herz. Nun muss der Bräutigam seine Braut hindurchheben. Romantisch? Natürlich. Praktisch? Das hängt stark vom Hochzeitsmenü der letzten Tage und von der Fitness des Bräutigams ab. Immerhin entstehen dabei regelmäßig wunderschöne Fotos – manchmal aber auch kleine Lachanfälle, wenn der Anzug plötzlich enger sitzt als gedacht.

Reis, Seifenblasen oder Blütenblätter?

Früher wurden Brautpaare nach der Trauung traditionell mit Reis beworfen. Der Hintergrund: Reis galt als Symbol für Fruchtbarkeit, Wohlstand und viele Kinder. Heute verzichten viele Hochzeitslocations aus Umwelt- oder Sicherheitsgründen auf Reis. Stattdessen schweben Seifenblasen durch die Luft oder duftende Blütenblätter regnen auf das Brautpaar herab. Der Vorteil: Niemand findet zwei Tage später noch Reiskörner in den Schuhen.

Die Brautentführung

Vor allem in Bayern, Österreich und Teilen Süddeutschlands sorgt die Brautentführung regelmäßig für Unterhaltung. Keine Sorge – die Braut wird nicht wirklich entführt. Meist "kidnappen" Freunde oder Verwandte die Braut während der Feier in eine nahegelegene Gaststätte oder an die Hotelbar. Der Bräutigam muss sie anschließend suchen und oft eine kleine Aufgabe erfüllen oder die Zeche bezahlen. Während die einen diesen Brauch lieben, sorgt er bei anderen Hochzeiten eher für gemischte Gefühle. Schließlich möchte nicht jedes Brautpaar seine Feier für eine längere Suchaktion unterbrechen. Deshalb wird die Brautentführung heute häufig kürzer oder in einer modernen Variante durchgeführt.

Etwas Altes, Neues, Geliehenes und Blaues

Dieser Brauch stammt ursprünglich aus England, hat sich aber längst auch in Deutschland etabliert.

Die Braut trägt vier symbolische Gegenstände:

  • Etwas Altes steht für die Verbindung zur Familie.
  • Etwas Neues symbolisiert den gemeinsamen Lebensabschnitt.
  • Etwas Geliehenes soll Glück von bereits glücklich Verheirateten übertragen.
  • Etwas Blaues steht für Treue.

Manche Bräute ergänzen den Brauch inzwischen sogar mit einem fünften Element: bequeme Sneakers für die Tanzfläche.

Hochzeitssuppe und Mitternachtssnack

Auch kulinarisch kennt Deutschland zahlreiche Traditionen. Früher begann das Hochzeitsessen vielerorts mit einer kräftigen Hochzeitssuppe. Je nach Region unterscheiden sich die Rezepte erheblich, doch eines haben alle gemeinsam: Sie sollen Kraft für einen langen Festtag geben. Und weil Hochzeiten selten vor Mitternacht enden, wartet später oft noch ein rustikaler Mitternachtssnack. Currywurst, Gulaschsuppe, belegte Brote oder ein Käsebuffet retten regelmäßig müde Tanzbeine.

Das Anschneiden der Hochzeitstorte

Die Hochzeitstorte ist nicht nur ein süßer Höhepunkt, sondern auch eine kleine Teamprüfung. Das Brautpaar schneidet gemeinsam das erste Stück an. Ein kleiner Aberglaube besagt: Wer beim gemeinsamen Messerhalten die Hand oben hat, wird später in der Ehe das letzte Wort haben. Ob das wirklich funktioniert? Fragen Sie einfach ein Ehepaar, das seit 30 Jahren verheiratet ist. Wahrscheinlich werden beide gleichzeitig antworten.

Der Brautstraußwurf

Kurz vor Mitternacht wird es spannend. Die Braut stellt sich mit dem Rücken zu den unverheirateten Gästen und wirft ihren Brautstrauß über die Schulter. Wer ihn fängt, soll der Legende nach als Nächste oder Nächster heiraten. Inzwischen beteiligen sich übrigens längst nicht mehr nur Frauen. Immer häufiger werfen auch Bräutigame ihren Anstecker oder veranstalten gemeinsam einen Straußwurf für alle Singles.

Regionale Unterschiede machen den Charme aus

Obwohl viele Bräuche deutschlandweit bekannt sind, besitzt nahezu jede Region ihre eigenen Besonderheiten. Im Norden geht es oft etwas ruhiger und maritimer zu. In Bayern gehören Blasmusik, Brautentführung und traditionelle Trachten vielerorts selbstverständlich dazu. Im Rheinland darf geschunkelt werden, während in Sachsen oder Thüringen zahlreiche regionale Hochzeitslieder und Dorftraditionen gepflegt werden.  Gerade diese Vielfalt macht deutsche Hochzeiten so spannend. Keine Feier gleicht der anderen.

Moderne Paare wählen ihre Lieblingsbräuche

Heute fühlt sich kaum noch jemand verpflichtet, sämtliche Traditionen zu übernehmen. Viele Paare stellen sich ihre Hochzeit wie ein persönliches Best-of zusammen. Vielleicht gibt es einen Polterabend, aber keine Brautentführung. Vielleicht wird der Baumstamm durch ein gemeinsames Puzzle ersetzt. Oder der Brautstrauß landet nicht im Getümmel, sondern wird an die Großmutter verschenkt. Erlaubt ist, was zum Paar passt. Denn genau darum geht es letztlich bei jeder Hochzeit. Nicht darum, möglichst viele Bräuche abzuhaken, sondern gemeinsam Erinnerungen zu schaffen, über die man auch nach vielen Ehejahren noch herzlich lachen kann. Und wenn dabei ein paar Teller zu Bruch gehen, der Baumstamm etwas länger braucht oder der Bräutigam beim Herz im Bettlaken kurz stecken bleibt – umso besser. Denn genau diese kleinen Pannen sind oft die Geschichten, die auf jeder Silberhochzeit mit einem Lächeln weitererzählt werden.

brautmaid.de
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